INDIEN - Part 1

Am Grenzübergang Wagah zwischen Pakistan und Indien findet seit Jahren jeden Abend eine absurd verrückte Militärparade zur Fahneneinholung statt. Diese Show soll in erster Linie die Macht der beiden Dauerrivalen demonstrieren und das Publikum gegen die jeweils andere Nation aufheizen. Die präzise choreografierte Parade erinnert an Szenen aus Monty Pythons "Silly Walks".

 

In Amritsar besuchen wir den sehr spirituellen Platz des Golden Tempels. Er ist das höchste Heiligtum der Sikhs und als Pilgerstätte auch bereits in den frühen Morgenstunden gut besucht.

 

Wir werden von mehreren Bewohnern in Jammu davor gewarnt, dass unmittelbar etwas passieren wird, da zusätzliche 35.000 Soldaten in den letzten Tagen angerückt sind. Somit warten wir gespannt auf die Verkündigung des indischen Premierministers: Das von Pakistan beanspruchte Kaschmir und auch Jammu soll mit sofortiger Wirkung seine Eigenständigkeit verlieren und von Delhi aus regiert werden! Das ist vor allem dem mehrheitlich muslimische Kashmir ein Dorn im Auge, da die indische Regierung eine hinduistische Mehrheit aufweist. Die Geschäfte bleiben vorerst geschlossen, Telefon und Internet werden von der Regierung stillgelegt und es ist nur mit Einschränkungen erlaubt das Haus zu verlassen - wir sitzen also vorübergehend fest.

 

Bei uns in Jammu beruhigt sich nach 3 Tagen die Situation. Die Soldaten bleiben weiterhin präsent, aber weitesgehend kehrt der Alltag in die Stadt zurück. Die Lage in Kashmir bleibt für mehrere Wochen sehr undurchsichtig, da weiterhin jeder Informationsaustausch unterbunden wird, was v.a. für getrennte Familien nur schwer zu ertragen ist. 

 

Manali ist der Ausgangspunkt für alle Abenteurer. Mit unseren beiden KTM 790er überqueren wir den 3.978m hohen Rhotang-Pass, der zu den niedrigsten Pässen in den nächsten Tagen gehören soll. Unsere Motorräder sollen mehrmals über 5.000m klettern und einen der höchsten befahrbaren Gebirgspässen der Erde, den Kardung La mit 5.359m, erklimmen. Doch der Dauerregen der letzten Tage macht uns einen Strich durch unsere Pläne. Mehrere Erdrutsche und Überschwemmungen machen ein Weiterkommen undenkbar. Wir sitzen für zwei Nächte in einem kleinen Bergdorf fest - die Straße ist in die eine Richtung mit einem reißenden Gebirgsbach überflutet und auf der anderen Seite liegt zu viel Schnee am Rohtang-Pass. Wehmütig treffen wir die Entscheidung nach der Schneeschmelze umzukehren und sind gezwungen das Manali-Leh Abenteuer in einer gesonderten Reise in Angriff zu nehmen. Dass wir wiederkommen werden, steht auf alle Fälle fest!

 

Nach anhaltendem Dauerregen zurück in Manali, hat mir Florian eine überraschende Entscheidung mitzuteilen: Er kann aus persönlichen Gründen nicht bis nach Singapur weiterfahren und wird seine Reise vorzeitig in Nepal beenden. Das Projekt "Salzburg to Singapore" werde ich alleine fortsetzen, wobei mich meine Freundin ab Thailand auf den letzten Kilometern begleiten wird.

Somit blicken wir nochmal positiv und stolz auf 145 gemeinsame Tage voller Abenteuer zurück, die unsere Freundschaft sehr besonders machen und verabschieden uns mit einem lachenden und einem weinenden Auge in Manali. 

 

Aufgrund unterschiedlicher Zeitpläne trennen sich unsere Wege und ich fahre nun auf mich alleine gestellt weiter. Einen Reisepartner zu haben ist auf alle Fälle etwas Tolles - vor allem im indischen Verkehr. Alleine zu reisen gibt mir jedoch auch ein großes Freiheitsgefühl und man lernt definitiv noch schneller fremde Menschen kennen.

 

Gut in Agra angekommen besichtige ich das beeindruckende Taj Mahal und die Rote Festung. Es geht anschließend weiter zu den sogenannten Kamasutra Tempeln von Khajuraho, deren Mauern von über 1.000 Jahre alten Steinfiguren übersäht und von hohen Shikhara-Türmen geprägt sind. Am Ufer des Ganges in Varanasi tauche ich in die Spiritualität des hinduistischen Glaubens ein: Die religiösen Zeremonien und Leichenverbrennungen am Ganges kommen einem als Europäer auf dem ersten Blick natürlich etwas befremdlich vor, aber diese Eindrücke prägen sich definitiv nachhaltig ein und erweitern meinen persönlichen Horizont. 

 

Ich bin erleichtert das chaotische Indien vorerst hinter mir zu lassen, auch wenn mich mein weiterer Weg bereits in wenigen Wochen von Nepal über das nordöstliche Indien nach Myanmar führen wird. 

 

《245 Tage, mehr als 20 Grenzübertritte, zwei KTM 790 Adventure R und mindestens 30.000 Kilometer.

Wir fahren von Salzburg nach Singapur – mit dem Motorrad.》


INDIEN - Part 2

Nur wenige Motorradreisende verschlägt es in den Nordosten Indiens - völlig zu unrecht, denn es hat Natur pur sowie tolle Kulturen zu bieten. 

Entlang der historischen Eisenbahnstecke nach Darjeeling windet sich eine schöne Bergstraße durch die grünen Teeplantagen. Die weiteren Strecken durch Sikkim sind geprägt von unzähligen Kurven, zahlreichen Wasserfällen und saftig grüner Hügellandschaft. Aber auch den Monsunregen bekomme ich leider einige Tage deutlich zu spüren. 

 

Ebenfalls wunderschön ist die Region im Grenzgebiet zu Bangladesch, das subtropische Dschungelatmosphäre und erstaunlich gute Bergstraßen bietet. Als weißer Tourist und dann auch noch auf einer KTM 790 Adventure R bin ich hier eine absolute Rarität - so dauert eine Motorradwäsche schon mal gute zwei Stunden, um all den interessierten Passanten mit Antworten und Selfies gerecht zu werden.

 

Ein absolutes Highlight und der Abschluss meiner Indienreise erwartet mich am Loktak See. Natürlich wachsende Grasinseln bieten inmitten des Sees Platz für einige schwimmende Strohhütten. Nach einem langen Fahrtag wird die KTM am Seeufer bei einem freundlichen Bauern geparkt und in einem Kanu geht's raus in die sternenklare Nacht. Mit anderen Gästen verbringe ich einen geselligen Abend und traue am nächsten Morgen meinen Augen kaum - eine absolute Postkartenidylle!

 

Mit diesen überraschend tollen Eindrücken aus dem nordöstlichen Indien verabschiede ich mich von einem extrem vielfältigen Land und treffe auf dem Weg an die Grenze bereits Josh aus meiner Myanmar-Gruppe.

 

《245 Tage, mehr als 20 Grenzübertritte, zwei KTM 790 Adventure R und mindestens 30.000 Kilometer.

Wir fahren von Salzburg nach Singapur – mit dem Motorrad.》